Der Entertainer Nicht im Verkauf

von John Osborne
Musik von John Addison u.a.
Deutsch von Helmar Harald Fischer
In einer Spielfassung für das Deutsche SchauSpielHaus Hamburg
/ Repertoire

Premiere 14/02/2015

SchauSpielHaus

Dauer: Zwei Stunden, 40 Minuten, keine Pause

Osborne beschrieb mit dem »Entertainer« den Niedergang der englischen Music Hall und einer bestimmten Form des Varietés und Entertainments. Er sah in der Music Hall eine spezifisch englische Lebens- und Unterhaltungskultur und die englische Gesellschaft symbolisiert. Das Stück spielt zur Zeit der Suezkrise, deren Verlauf in England als nationale Demütigung erlebt wurde. In seiner Aufführungsgeschichte wurde »Der Entertainer« zu einem universellen Stück über Verlust.

Christoph Marthaler löst das Stück aus seiner historischen Zeitgebundenheit und transponiert es in die heutigen Verluste und Abstürze. Es geht um eine Gruppe aus der Zeit gefallener Menschen in prekären Verhältnissen, die nicht mehr gefragt sind und daraus Unterhaltung machen. Sie sind eine Theaterfamilie von Entertainern, von Unterhaltungskünstlern, die in Liveshows vor Publikum analog auftreten in den Hansa-Theatern Europas, die teilweise einmal bessere Zeiten erlebt haben, und jetzt im sozialen Absturz mit viel Gin und viel Musik viel Unterhaltung produzieren. Irgendwo außerhalb Europas werden irgendwelche Kriege geführt, an denen die in Europa Abstürzenden und Abgeschafften sich - anders als in Osbornes England - nicht mehr beteiligt fühlen. Man existiert in einer gerade noch möglichen Form und im rassistisch geprägten Bewusstsein, immer noch etwas besser zu sein als die afrikanischen oder türkischen Untermieter.

Die Form des Abends ist das Varieté und Entertainment. In den Auftritten, den Nummern und den Liedern der verlassenen Alleinunterhalter, die es immer wieder versuchen, die nicht aufgeben können, steckt das Leben und die Existenzform dieser Menschen. Insofern befinden sich die Personen in Christoph Marthalers »Entertainer« nicht in einer Wohnung, sondern in einem Theater vor und auf einer Bühne, und wir wissen auch nicht genau, ob ihre bizarren Gin-getränkten Dialoge nicht Teil einer Show sind, die möglicherweise im Fernsehen stattfindet.

Christoph Marthaler wurde 2015 mit dem Goldenen Löwen der Theatersektion der Biennale Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Fotos © Matthias Horn

Pressestimmen

Hamburger Abendblatt

„Dass sich »Der Entertainer« und Christoph Marthaler nicht schon früher gefunden haben, ist unglaublich, sie passen perfekt zusammen. Das Stück um vergangenen Glanz und mittelmäßige Existenzen, die verzweifelt an alten Ritualen festhalten, wurde nach zweieinhalb Stunden stürmisch gefeiert.“

Frankfurter Rundschau

„Zum Niederknien ist Michael Wittenborn als Archie Rice im weißen Anzug, der es schafft, mit Scherzen aus der untersten Schublade ganz ernsthaft auf die Griechenlandkrise, den IS, die Kriege in Syrien und der Ukraine, die Asylbewerberfrage, Frauenquote und die Hamburger Landtagswahl einzugehen.“

nachtkritik

„Christoph Marthaler zeigt an diesem Abend lächerliche Menschen bei ihrem Kampf um ein bisschen Würde. Und wie er ihnen dabei in ihrer Lächerlichkeit tatsächlich die Würde bewahrt, das ist schlicht ein Ereignis. Was kann da noch folgen? Natürlich Jubel.“

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