Ellbogen 14+

von Fatma Aydemir / Repertoire

Premiere 08/04/2018

Große ProbeBühne

Termine

Hazal ist 17. Sie lebt in Berlin und steckt in einer berufsbildenden Maßnahme fest. Bewerbungen schreiben, bei ihrem Onkel in der Bäckerei jobben, einen Joint durchziehen, abends ihrer Familie Çay servieren und heimlich mit Mehmet, den sie noch nie getroffen hat, in Istanbul skypen – so verlaufen Hazals Tage. Ein bisschen Freiheit erlügt sie sich, büxt aus, wo es eben geht. Eng und klein ist ihr Leben, jeder Schritt scheint vorherbestimmt. Doch dann kommt alles anders als erwartet. Hazal wird 18. Sie darf wundersamerweise hinaus in die Welt und sich feiern. Gemeinsam mit ihren Freundinnen stellt sie sich in die endlos scheinende Schlange eines berühmt-berüchtigten Clubs, doch als sie endlich vor dem Türsteher angekommen sind, werden sie abgewiesen. Unbändige Wut erschüttert die Mädchen. In der U-Bahn-Station verdreschen sie einen Studenten, der ihnen gerne seinen Schwanz gezeigt hätte und stoßen ihn auf die Schienen. Hazal flieht nach Istanbul und bereut nichts. „Wir hatten Streitlust, wir hassen deutsche Studenten“, wird sie ihrer Tante Semra sagen, die versucht, das Mädchen einzufangen und zurück in die Gesellschaft zu führen – zur Buße, zum Studium, nach Deutschland. Doch Hazal weigert sich. Ihr Mitleid gilt nicht dem Toten, sondern sich selbst, denn dass diese Tat ihr Leben verpfuscht hat, das weiß sie.

Fatma Aydemir hat einen kolossalen Roman vorgelegt, der das heutige Erwachsenwerden eines postmigrantischen Mädchens untersucht. Sie spielt mit Klischees und Archetypen und bricht mit ihnen im nächsten Schritt. Sie stellt uns ein Mädchen vor, dem menschlich kaum begegnet wurde, das auf eine Rolle hin erzogen wurde, die nicht die seine ist, das Wut und Hass in sich sammelt, um dann zu explodieren, das kein Opfer sein will und deswegen zur Täterin wird. Wie geht man um mit einem Menschen, der den anderen die Menschlichkeit abspricht? Der in reuelosem Zorn wütet? Eine Antwort gibt Aydemir nicht.

Sie schenkt uns diese Frage und rüttelt an uns, die wir diese Gesellschaft bilden und gestalten und Antworten finden müssen. Alexander Riemenschneider hat „Ellbogen“inszeniert. Er arbeitet am Theater Bremen, am Deutschen Theater Berlin und am Schauspielhaus Bochum. Am Jungen SchauSpielHaus inszeniert er in der Spielzeit 2019-20 „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“.

„Es ist so da und es ist so heftig, dass man es fast anfassen kann. Wut. Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst.“

Für „Ellbogen“ wurde Fatma Aydemir mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres 2017 im Rahmen des Harbour-Front-Literaturfestivals ausgezeichnet. „Ein fulminantes, durchschüttelndes und durchrüttelndes Buch über deutschtürkische Identität und Bikulturalität“, sagt die Jury.

Katherina Sattler ist für ihre Darstellung in dem Soloabend „Ellbogen“ in der Kategorie „Darstellerin/Darsteller Schauspiel“ für den wichtigsten deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert.

Fotos: Sinje Hasheider

Es spielt: Katherina Sattler

Regie: Alexander Riemenschneider Ausstattung: Anke Napierala Musik: Tobias Vethake Licht: Jonathan Nacke Ton: Benjamin Owusu-Sekere Dramaturgie: Nora Khuon

Pressestimmen

NDR Kultur

„Alexander Riemenschneider ist auf der Basis einer geschickten Strichfassung des Romans, eine kluge, erstaunlich leise Inszenierung gelungen, die nie zu viel will. […] Auf der schlichten Bühne ist Katherina Sattler zugleich Ausgesetzte und Energiequelle: ein trotziges, wütendes Mädchen, eine radikale junge Frau, die zwischen den Kulturen zerrieben wird.“

Hamburger Abendblatt

„Sattler spuckt dem Publikum diesen aus Frustration und Aggression gebauten Text ins Gesicht, und weil sie das mit dem Mut der Hoffnungslosigkeit macht, schaut man ihr dabei gerne zu.“

Die Zeit

„Die Adaption am Schauspielhaus lässt alles weg, was im Buch zu viel war. Sie ist besser als das Buch, noch besser, muss man sagen. Was der Haupt- und einzigen Darstellerin geschuldet ist, der genialen Katherina Sattler. […] Eine One-Woman-Show, fast ohne Requisite, auf der Bühne ausgestreut wird nur mit Glitzer vermengte Asche. Sattler tanzt, schwitzt, schlägt und zweifelt sich durch neunzig Minuten, erst als stille Rebellin im Batikstrasstop, dann als Ballettröckchen-Kifferfee mit Diadem und Zauberstab.“

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