Die Übriggebliebenen

nach Thomas Bernhard
aus »Vor dem Ruhestand«, »Ritter, Dene, Voss«, »Auslöschung. Ein Zerfall«
Fassung von Karin Henkel und Rita Thiele
/ Repertoire

Premiere 16/02/2019

SchauSpielHaus

Dauer: Zwei Stunden, Fünfundvierzig Minuten. Eine Pause.

Termine

Es ist später Nachmittag an einem siebten Oktober: Im Elternhaus von Vera, Clara und Rudolf Höller wird ein Geburtstagsfest vorbereitet. Die drei Geschwister sind hier gemeinsam alt geworden, können sich nicht aus den Fängen ihrer Vergangenheit befreien und präsentieren ihr dauerndes Spiel von Macht und Unterwerfung, Umklammerung und Demütigung. Ebenfalls noch im Haus der verstorbenen Eltern wohnend bereiten zwei Schwestern ein Festessen für ihren aus einer psychiatrischen Klinik heimkehrenden Bruder vor. Auch hier deutlich spürbar: das verkrampfte Miteinander und gehässige Gegeneinander, das Anreden gegen die Bürden der Kindheit und der angstvolle Blick in die Zukunft.
Das letzte Fest des Lebens, eine Beerdigung, wird vorbereitet im Schloss Wolfsegg. Hier warten Amalia und Cäcilia auf ihren Bruder Franz, um die bei einem Autounfall verunglückten Eltern zu Grabe zu tragen. Franz Murau, der seiner Familiengeschichte durch ein Leben in Rom zu entkommen suchte, kehrt als Alleinerbe zurück und wünscht sich nichts sehnlicher als „alles auszulöschen, das ich unter Wolfsegg verstehe, und alles, das Wolfsegg ist.“
Drei Familien, drei gleichgeartete Geschwisterkonstellationen, die geprägt sind von „exzessivem Infantilismus“ (»Ritter, Dene, Voss«) und Todesnähe zugleich. In allen drei Familien ähneln sich die neurotischen Strukturen, wobei sie in »Vor dem Ruhestand « und in »Auslöschung« eine politische Zuspitzung erfahren, die der Alltäglichkeit eine skandalöse Dimension verleihen. Denn im Hause Höller feiert man, lange nach dem Zweiten Weltkrieg, heimlich Himmlers Geburtstag. Und hinter der Maske des rechtschaffenen Gerichtspräsidenten Höller verbirgt sich ein Nazi, ehemaliger KZ-Kommandant und Gewaltverbrecher, der seinem Leben nur durch die fortwährende Verherrlichung des Faschismus Sinn und Halt zu geben vermag. Seine Schwester Vera ist ihm fanatisch verbündet, während Clara als Opponentin agiert. Aber letztendlich ist auch sie unfähig, sich dem perversen Kerker ihres Zuhauses zu entziehen. In ähnlicher Verstrickung quält sich Franz Murau, seine Eltern haben nach Kriegsende über Jahre hinweg führende Nazigrößen in der sogenannten Wolfseggschen „Kindervilla“ versteckt. Murau ekelt diese Familiengeschichte. Umso härter trifft ihn die Erkenntnis, dass die katholisch-nationalsozialistische Erziehung durch die Eltern nach wie vor die Psyche der Schwestern, vor allem aber auch seine eigene, okkupiert.
In allen drei Texten beschäftigt sich Thomas Bernhard mit familiären Konstellationen, die Menschen anfällig machen für autoritär-patriarchalische Weltbilder, in zwei Fällen sogar für faschistische Vorstellungen. Als »Vor dem Ruhestand« 1979 uraufgeführt wurde, schrieb der Kritiker Benjamin Henrichs, die außerordentliche Qualität dieses Textes läge darin, dass Bernhard diese Anfälligkeit nicht aus aufgeklärter sicherer Ferne, sondern aus alarmierender Nähe beschreibe, er suche sie in jedem von uns. Ein beunruhigender Weg, den die Inszenierung von Karin Henkel in der Verknüpfung der verwandten Familienporträts verfolgen und untersuchen möchte. Zumal Veras Prophezeiung, „Es kommt der Tag, sagt Rudolf, wo er nicht mehr gezwungen ist, Himmlers Geburtstag in seinem Hause versteckt feiern zu müssen“ traurige Aktualität gewonnen hat.

Dramaturgin Rita Thiele erhielt für ihre Arbeit an »Die Übriggebliebenen« den Theaterpreis Hamburg Rolf Mares 2019 in der Kategorie "Herausragende Dramaturgie". In der Begründung der Jury heißt es:

"Die Dramaturgin Rita Thiele hat gemeinsam mit der Regisseurin Karin Henkel eine Bühnenfassung aus drei Texten von Thomas Bernhard erstellt und ihr den überzeugenden Titel »Die Übriggebliebenen« verliehen. Thiele hat die 1979 bzw. 1986 erschienenen Werke durch ihre Bearbeitung revitalisiert und dabei ihre groteske Aktualität freigelegt. Wie unter einem Brennglas lassen die faszinierend miteinander verwobenen Auszüge der Stücke »Vor dem Ruhestand« und »Ritter Dene Voss« sowie des Romans »Auslöschung. Ein Zerfall« die Denkstrukturen autoritär fixierter Charaktere erscheinen. Aber auch die stilistischen Merkmale des Autors treten dadurch geschärft zutage. Dessen Technik der Steigerung von Akt zu Akt – beispielhaft: die verbalen Übertreibungsergüsse der männlichen Protagonisten, die jeweils später auftreten und sich in fixe Ideen furios hineinsteigern – wird durch die drei thematisch verwandten Vorlagen in immer neuen Varianten virtuos vorgeführt. Gleichzeitig blickt man in einen Abgrund geschwisterlicher Dreierkonstellationen, „denen die Vergangenheit in den Knochen steckt, und die aus der veruntreuten Gegenwart keinen Gedanken für irgendeine Zukunft retten können“, wie die Neue Zürcher Zeitung anlässlich der Premiere schrieb."

EINFÜHRUNG:
Am 8/11 laden wir Sie eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn zu einer kostenlosen Stückeinführung im MarmorSaal ein (keine Anmeldung erforderlich, begrenzte Platzkapazität).

Fotos: Lalo Jodlbauer

Es spielen: Lina Beckmann, Jean Chaize, Brigitte Cuvelier, André Jung, Jan-Peter Kampwirth, Angelika Richter, Tilman Strauß, Bettina Stucky, Gala Othero Winter Und: Minna John, Leona Schübel Hamburger Kinder- und Jugendkantorei St. Petri/ St. Katharinen unter der Leitung von Lena Sonntag: Johann Schubert, Levke Grundwaldt, Lilia Franke, Moritz Engelbrecht, Falk Brieskorn, Theo Fischer, Josefine Timann, Lena Otto, Laura Lubitz, Luzy Köllner, Gracia Heim, Laureen Fuchs, Leandra Franke, Bettina Nickel Statisterie: Matilda Meny, Alicitas Schaerig, Emma Torner

Regie: Karin Henkel Bühne: Muriel Gerstner, Selina Puorger Kostüme: Klaus Bruns Licht: Annette ter Meulen Sound: Arvild J. Baud Ton: Christian Jahnke, Christoph Naumann, Matthias Lutz Video: Marcel Didolff, Alexander Grasseck Dramaturgie: Rita Thiele

Pressestimmen

Weser Kurier

„Gemeinsam mit Dramaturgin Rita Thiele hat [Karin Henkel] eine anspruchsvolle Fassung erarbeitet, die das Einende der drei Texte so zeitverzögert streut, dass deren Beklemmungspotential langsam, aber stetig wächst. Gerade so, wie es den Spukerscheinungen in einem Horrorhaus zukommt […]. Eine spannende Lesart ist diese komparative Familienaufstellung allemal.“

DIE ZEIT Elbvertiefung

„Der alte Bernhard ist der bessere Houellebecq. Überragend verkörpern Lina Beckmann und André Jung die schrecklichen Patriarchen der Familie. Zweieinhalb Stunden demütigen der ehemalige KZ-Lagerleiter und heutige Gerichtspräsident Rudolf (Jung) und der psychisch kranke Ludwig (Beckmann) ihre jeweiligen Schwestern. Bernhards furchtbare alten Männer waren die Zombies, die aus einer faschistischen Vergangenheit kamen. Houellebecq dagegen entwirft Antihelden, die als Quälgeister der Zukunft eine neue Form des Faschismus in sich tragen. Kurzum: ein auf lehrreiche Weise beunruhigender Abend.“

Kurier Wien

„Die Kompilierung „Die Übriggebliebenen“ ist daher ein enorm politisch-wuchtiges Statement – auch wenn die Familienhölle im Mittelpunkt steht.“

Stern.de

„In etwa zweidreiviertel Stunden werden außerdem noch Theaterzuschauer beschimpft, werden Schauspieler beschimpft und Ärzte, und auch Porträtmaler sowie diejenigen, die sich von Malern porträtieren lassen, werden beschimpft: „Millionen Kinder verhungern in Afrika, und ihr lasst euch malen“ […]. Wir, die Beschimpften, spendeten am Ende eines großen Theaterabends warmen Applaus. Es war ein Fest.“

Hamburger Morgenpost

„Henkel lässt die Figuren ihrer Patchwork-Inszenierung gleichzeitig nebeneinander agieren, was sehr gut funktioniert. Die Werke treten in einen Dialog miteinander, Motive springen hin und her. So entwickelt sich ein hochkonzentrierter Crash-Kosmos in den Bernhard-Kosmos. Der groteske Totentanz besticht mit einem tollen Ensemble, präzisen Dialogen – und ein Kinderchor ist auch dabei.“

FAZ

„Karin Henkel ist ein moderner wie klarer Bernhard-Abend geglückt, der in seiner abgründigen Düsternis all die Manierismen und Humorigkeiten versenkt, mit denen seine Stücke oft gedämpft werden. „Das ganze Leben ist ein einziger Schrei“ resümiert Murau (Tilman Strauß) am Schluss, und das ist auch diese großartige, so kunstvolle wie brisante Inszenierung.“

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