Geschichten aus dem Wiener Wald

von Ödön von Horváth

Premiere 07/11/2020

SchauSpielHaus

Dauer: Eine Stunde. Vierzig Minuten. Keine Pause.

„Ich habe kein anderes Ziel als dies: Demaskierung des Bewusstseins“, schrieb Horváth in einer seiner wenigen Selbstauskünfte. Vor dem Hintergrund der damals größten Wirtschaftskrise der Geschichte kam ihm die Erfahrung entgegen, wie sich die volkstümlichen Klischees in den Köpfen quasi von selbst entlarvten, sich zuspitzten in ihrem Widerspruch zur aktuellen Lage und auf brutale Weise hervortraten – und die Wiener Gemütlichkeit sehr ungemütlich wurde. Wird der Mann arbeitslos, erläutert der Held eines anderen seiner Stücke, „dann lässt die Liebe nach, und zwar automatisch“. Über die Darstellung sprachlicher Verrohung gelingt es Horváth, quasi „poetisch“ präzise den Bewusstseinsstatus seiner Figuren einzufangen. »Geschichten aus dem Wiener Wald«, geschrieben Ende der 1920er Jahre in dieser Zeit katastrophaler Arbeitslosigkeit, ist ein Schlüsselwerk des modernen Dramas. Die zentrale Figur ist Marianne, die in ihrem Leben nach einer Rolle für sich sucht. Wie auch andere Frauenfiguren Horváths lebt sie in scheußlichen Abhängigkeiten. „Papa sagt immer, die finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann ist der letzte Schritt zum Bolschewismus.“
Aber Marianne kämpft gegen ihre arrangierte Verlobung und versucht zu tun, was ihren Empfindungen und ihrem Gefühl entspricht, das heißt, sich aus dem Konstrukt zu befreien, das ihr Vater, Besitzer eines Spielwarenladens, „Zauberkönig“ genannt, und ihr Bräutigam Oskar, Metzger, gebaut haben. Offenbar soll die marode „Puppenklinik“ durch diese Ehe gerettet werden. Als die Dinge ihren Lauf nehmen, sagt Marianne von sich selbst: „Jetzt bricht der Sklave seine Fessel“. Lange vor 1968 und #MeToo fällt bereits 1929 der Satz: „Mein Körper gehört mir“.

Heike M. Goetze gewann 2008 beim »Körber Studio Junge Regie« für ihre Zürcher Diplominszenierung von Juli Zehs Roman »Spieltrieb« den Preis als beste Nachwuchsregisseurin. Sie inszenierte u. a. am Schauspielhaus Zürich, am Schauspiel Hannover sowie am Schauspielhaus Bochum und wurde zum Festival »Radikal jung« und den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Heike M. Goetze inszeniert zum ersten Mal am Deutschen SchauSpielHaus.

LIVESTREAM DER PREMIERE am 7/11/2020 um 19.30 Uhr auf der Startseite des Deutschen SchauSpielHaus.

Sehen Sie hier das Vorstellungsvideo mit der Regisseurin.

Foto: Arno Declair
Motiv: Rocket&Wink

Es spielen: Simon Brusis, Daniel Hoevels, Jan-Peter Kampwirth, Eva Maria Nikolaus, Josef Ostendorf, Maximilian Scheidt, Julia Wieninger

Regie, Bühne und Kostüme: Heike M. Goetze Musik: Fabian Kalker Licht: Annette ter Meulen Dramaturgie: Ralf Fiedler LiveStream Kamera: Marcel Didolff, Antje Haubenreisser, Peter Stein, Florian Dermastia LiveStream Schnitt: Alexander Grasseck Schnittassistenz: Vanessa Holtappels Ton: Kai Altmann, Roman Schneider

Pressestimmen

Hamburger Abendblatt

„Durchweg drastisch deklamieren die Figuren die Horváth-Sätze, agieren mit der Heftigkeit ihrer Verzweiflung, das Milieu ist spürbar und zugleich aufgelöst […] Das tolle Ensemble bewegt sich innerhalb dieses eindringlichen Konzeptes mit erstaunlicher Souveränität. Es berührt bei aller Gesichtslosigkeit und Puppenhaftigkeit.“

Die Deutsche Bühne

„Es ist eine besondere Premiere, gerade hat Intendantin Karin Beier das Publikum begrüßt, das sich nicht im Schauspielhaus befindet, sondern den Live-Stream von zuhause aus verfolgt. Eine Geisterpremiere in Zeiten des zweiten Lockdowns. Da passt es irgendwie, dass das Ensemble auf der großen düsteren Bühne, die Regisseurin Heike M. Goetze entworfen hat, wie eine Ansammlung von Gespenstern wirkt.“

nachtkritik.de

„Erschreckend gut funktioniert Goetzes alptraumhafte Livestream-Inszenierung. Die maskenhaften Figuren berühren, gerade durch ihre Anonymität und Austauschbarkeit, die Schauspieler*innen lassen Schaudern, gerade durch das Ungefähre in ihrer Figurenzeichnung. Eine atmosphärisch dichte ‚Geistervorstellung‘, deren Geister noch lange nicht tot sind.“

Das Kulturblog

„Heike M. Goetze überrascht bei ihrer ersten Arbeit in Hamburg mit einer sehr experimentierfreudigen und eigenwilligen Handschrift.“

NDR 90,3 Kulturjournal

„Dieses Stück ist eine Einladung zum Tanz – auf Abstand. Und: eine Einladung in eine verkehrte Welt. […] Das menschliche Gesicht. Hier wird der Abend plastisch, hierhin führt er: Es ist ein starker, ein mutiger Versuch, Kunst zu machen aus dem Jetzt. Aus diesen Masken, diesem Abstandsgebot.“

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