Ivanov

von Anton Čechov
aus dem Russischen von Peter Urban
Fassung von Karin Beier und Rita Thiele

Premiere 18/01/2020

SchauSpielHaus

Dauer: Drei Stunden. Zehn Minuten. Eine Pause.

Termine

06/
12/So SchauSpielHaus / LiveStream

„Was ist los mit mir?“, fragt Ivanov seinen Nachbarn Pavel Lebedev. Ivanov versteht sich selbst nicht mehr. Früher hat er sich sozial engagiert, ließ Schulen bauen, setzte sich für politische Reformen ein. Mittlerweile ist ihm das alles egal, das ganze Leben ist ihm egal, selbst die hohen Schulden, die sein Gut belasten, rütteln ihn nicht wach. Einst hat er seine Frau Anna geliebt, die wegen dieser Liebe von ihrer jüdischen Familie verstoßen und enterbt wurde. Jetzt liebt er sie nicht mehr, kann sie nicht mehr lieben, obwohl er weiß, dass sie bald an Tuberkulose sterben wird. Genervt von den bedrückenden Verhältnissen zu Hause treibt es ihn abends aufs Nachbargut der Lebedevs. Zwischen deren Tochter Saša und ihm bahnt sich eine Liebelei an, doch sobald Ivanov mit ihr zusammen ist, möchte er allein sein, treibt es ihn wieder fort. Ivanov quält eine ziellose Energie, eine seelische Leere. Das provoziert seine Umwelt, die er gleichermaßen fasziniert und abstößt, wobei sich hinter dieser Fixierung auf ihn verbirgt, was diese Gesellschaft selbst aushöhlt, unterminiert: Ivanovs psychische Labilität spiegelt die Kälte, die Aggression, den Egoismus und die Kopflosigkeit einer Welt, die Zukunftsängste plagen, die spürt, dass ein grundlegender Wandel notwendig wäre, sich aber überfordert fühlt, die die Orientierung verliert und so in der Hoffnungslosigkeit landet.
»Ivanov« ist Čechovs erstes Theaterstück, 1887 in Moskau uraufgeführt, ein Stück, das er liebte, auf das er über Jahre hinweg immer wieder zurückkam, das er komplett überarbeitete. Es hat schon all die Ingredienzien, die auch die Figuren seiner späteren Stücke zu Pionieren unserer Ängste, unserer Sehnsüchte, unseres Versagens machen. Die Größe Čechovs ist, dass er diese psychische Signatur ohne Überheblichkeit diagnostiziert, sie ist tragisch, sie ist komisch, sie ist menschlich. So, wie er in seiner typischen Lakonie bemerkt: „Keine Literatur kann in puncto Absurdität das wirkliche Leben übertreffen.“


LIVESTREAM am 6/12 um 16.00 Uhr:
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Für Lehrer*innen
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Fotos: Arno Declair

Es spielen: Paulina Alpen, Lina Beckmann, Jonas Hien, Josefine Israel, Vlatko Kucan, Eva Mattes, Angelika Richter, Eva Maria Nikolaus, Bastian Reiber, Maximilian Scheidt, Ernst Stötzner, Devid Striesow, Aenne Schwarz, Samuel Weiss, Michael Wittenborn

Regie: Karin Beier Kostüme: Astrid Klein Mitarbeit Kostüm: Janin Lang Mitarbeit Ausstattung: Selina Puorger Musik: Jörg Gollasch Licht: Annette ter Meulen Choreografie: Thomas Stache Dramaturgie: Rita Thiele

Pressestimmen

Hamburger Morgenpost

„Der Abend entwickelt sich zu einem Totentanz, er ist atmosphärisch stark, kommt ohne Effekthascherei auf den Punkt und überzeugt mit vielen eindrücklichen Szenen. Ein starkes Stück Schauspielertheater.“

nachtkritik.de

„Die Regisseurin Karin Beier und ihre kluge Dramaturgin Rita Thiele holen in ihrer schlüssigen gemeinsamen Textfassung den ‚Ivanov‘ erstaunlich nah ans Jahr 2020 heran. […] Die Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus besticht durch feine Zwischentöne, sprachliche Sensibilität und bis ins letzte Detail durchchoreografierte Szenen, in denen das Drama jederzeit in die Komödie kippen kann und umgekehrt. […] Dieser ‚Ivanov‘ ist unbedingt sehenswert, ebenso lustig wie berührend.“

Hamburger Abendblatt

„Devid Striesow, der am Schauspielhaus zuletzt in ‚Wer hat Angst vor Virginia Woolf?‘ gefeiert wurde, spielt diesen Mann aus einer existenziellen Fassungslosigkeit heraus. Als würde ihm die Luft knapp, als schnüre ihm etwas den Brustkorb ein, beschreibt er alle Anzeichen eines Burn-outs, einer Depression vermutlich sogar: Tinnitus, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Isolation, Ermüdung, Kälte. […] Das genaue psychologische Spiel, schonungslos und pointiert, ist die große Qualität dieser Inszenierung. Wer Schauspielertheater auf höchstem Niveau sehen möchte, der ist bei diesem ‚Ivanov‘ richtig.“

FAZ

„Karin Beier hat in ihrer faszinierend spartanischen Inszenierung von ‚Iwanow‘ sogar auf ein Bühnenbild verzichtet. Zu sehen ist in spektakulärer Kahlheit nur die riesige nackte Bühne bis zu den Brandmauern. […] Das hinreißend aufspielende Ensemble erschafft mit beseelter Verve ein morbid verstrahltes Kraftfeld, dessen hochenergetische Konzentration auch das Publikum miteinschließt. […]“

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