von Rainald Goetz

Premiere 11/09/2020

SchauSpielHaus

Dates

11/
09/Fri SchauSpielHaus / World Premiere
12/
09/Sat SchauSpielHaus
14/
09/Mon SchauSpielHaus
19/
09/Sat SchauSpielHaus
02/
10/Fri SchauSpielHaus
15/
10/Thu SchauSpielHaus
30/
10/Fri SchauSpielHaus

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Die Krise boomt und mit ihr die Macht der Politiker, die sie zu managen haben. Überall wird in Menschen- und Bürgerrechte eingegriffen, vorübergehend mag das notwendig sein, doch es ist auch die Sternstunde der Autokraten: Orbàn, Erdoğan, Kaczyński, der polnische Justizminister Ziobro, sie alle benutzen die unumgängliche Bekämpfung der Pandemie, um ihre Herrschaft weiter nachhaltig auszubauen.
„Vive la crise!“, dieses Zitat von Proust könnte Goetz auch seinem neuen Theaterstück voranstellen, denn er beschreibt hier eine Regierung, die im Schatten einer drohenden Gefahr tatsächlich ein autoritäres Regime der Staatsführung etablierte – in einem rauschhaften Furor der Demokratiezerstörung und patriotischen Eifer. Es geht um den „Krieg gegen den Terror“, den George W. Bush unmittelbar nach den Anschlägen von 9/11 deklarierte. Wie jetzt? Wieso beschäftigt sich Goetz erst heute mit dem, was im Namen dieses Krieges an Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen in Amerika selbst, vor allem aber auch im völkerrechtswidrigen Irakkrieg geschah? Inklusive der Übergriffe und Folterungen in amerikanischen Gefangenenlagern wie Abu Ghraib? Journalistisch sind diese Ereignisse doch umfassend dokumentiert. Nun, um Dokumentation geht es Rainald Goetz ganz offensichtlich nicht: Die realen Personen der Zeitgeschichte, Bush und sein Regierungskabinett erwähnt er namentlich nur in einer Aufzählung unterhalb seines Personalverzeichnisses. Überschrift: Hades. Dorthin hat er die Politiker verbannt, gemeinsam mit den Soldat*innen von Abu Ghraib, die ihre Schandtaten auch noch fotografierten. Den Stückfiguren weist Goetz zwar die gleichen Rollen zu, gibt ihnen aber andere Namen, die oft an Persönlichkeiten aus verschiedenen Zeiten erinnern: Roon, preußischer Kriegsminister des 19. Jahrhunderts, Kelsen, der berühmte Verfassungsrechtler der Weimarer Republik, oder auch Schill, ehemaliger „Richter Gnadenlos“ und Innensenator in Hamburg. Diese Mehrdeutigkeit hat System: Ständig fordert Goetz zu neuen Kontextualisierungen auf, zum Teil durch direkte Anspielungen, beispielsweise auf den deutschen Faschismus. Zum anderen setzt er mehr assoziative Impulse durch Motti, Zwischentitel, Musiken, die er zitiert, Nebenwelten, die unausgesprochen mitschwingen, dem Stück dennoch eine größere Reichweite verleihen. Goetz versucht –grundsätzlich und spielerisch zugleich – über Strukturen von Machtpolitik und Machtmissbrauch nachzudenken. Er stellt die finstere Frage: Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit der Exzess, das „Böse, Kaputte“ Oberhand gewinnen kann? Krisen können Sternstunden für Autokraten, auch Diktatoren werden, das zeigt die Geschichte. Sie zeigt aber auch, dass sich der Spieß mitunter umdreht, Menschen auf den Plan treten, die die Krise mit neuem Sinn zu füllen wissen.

Motiv: Rocket & Wink

With: Sebastian Blomberg, Eva Bühnen, Sandra Gerling, Daniel Hoevels, Josefine Israel, Markus John, Burghart Klaußner , Anja Laïs, Wolfgang Pregler, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt, Tilman Strauß, Michael Weber, Holger Stockhaus Percussion (Bassam Abdul-Salam) Yuko Suzuki Oud: Wassim Mukdad Cello: Michael Heupel Bratsche: Anna Lindenbaum Violine: Camilla Busemann Tänzer: Samuli Emery, João Pedro de Paula , Sayouba Sigué

Directed by: Karin Beier Stage design: Johannes Schütz Costume design: Eva Dessecker, Wicke Naujoks Videodesign: Voxi Bärenklau Music: Jörg Gollasch Einstudierung Sprechchor: Christine Groß Körpertraining und choreographische Mitarbeit: Valenti Rocamora i Tora Lightning: Annette ter Meulen Dramaturgy: Rita Thiele, Ralf Fiedler
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