Prolog / Zwischenspiel / Die Argonauten
Die Argonauten. Iason. Medea.
i. Prolog: Der goldene Widder
Jeder Mythos hat mindestens eine Vorgeschichte. Und noch eine. Und noch eine weitere. Roland Schimmelpfennig kehrt mit dem Prolog zur allerersten zurück und lässt von der Entstehung des Goldenen Widders erzählen. Die gewaltsame Verwandlung der Sternenzeichnerin Theophane in ein Schaf durch den Meeresgott Poseidon bringt ein Mischwesen aus Tier, Gott und Mensch hervor, dessen Fell als „Goldenes Vlies“ in die mythische Geschichtsschreibung eingegangen ist.
Sprung in eine andere Geschichte, eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Dort verliebt sich König Athamas in Ino, Tochter des Kadmos (!) aus Theben, und betrügt mit ihr seine göttliche Wolken frau Nephele. Die verflüchtigt sich an den Himmel. Leichte Opfer sind nun ihre beiden Kinder Phrixos und Helle für die Gesellschaft, die Verschwörungstheorien und einer Sündenbockmentalität verfällt. Auf Geheiß von Nephele erscheint der Goldene Widder zur Rettung der Kinder. Während Phrixos auf dem fliegenden Widder Kolchis erreicht, stürzt seine Schwester Helle ins Meer. Seitdem trägt die Stelle den Namen Helles-Pont. Die zurückliegende Stadt Iolkos wächst zu einer kalten, industrialisierten Hafenmetropole heran. Die Sonne muss wieder her, darüber ist sich die Stadtgesellschaft einig. Gerade im rechten Moment stolpert der verlorene Sohn und rechtmäßige Thronfolger Iason in die Stadt. Er soll es sein, der Iolkos vor seinem Niedergang bewahrt.
ii. Zwischenspiel: Zentaur, Höhle, Baum und Balken
Wo kommt er überhaupt her, dieser vermeintliche Erlöser und Retter der Menschheit? Mit dem Zwischenspiel werfen wir einen Blick zurück in Iasons Kindheit und die Höhle des Cheiron, eines Zentauren, dem der kleine Junge zum Schutz anvertraut worden war, nachdem man seinen Regenten-Vater ermordet hatte. Der Zentaur – ein halbgöttlicher Pferdemensch mit Alkoholproblem – steckt Iason zur Tarnung in Mädchenkleider und triezt ihn mit schwarzer Pädagogik. Iason gilt ihm als Inbegriff der Generation „Selbst“ – selbstbezogen, selbstverliebt und selbstgerecht –, und trotz seiner Durchschnittlichkeit setzt er ihm den Floh vom Goldenen Vlies ins Ohr. Cheirons Hauptfeind ist der Wahrheitssucher Platon, gerade weil der Zentaur als lebendes Beispiel für dessen berühmtes Höhlengleichnis herhalten muss.
Am Ende befreien sich Iason und der als Hausmeister angestellte Herakles aus den Fängen des Zentauren Cheiron und landen gemeinsam mit einem geflügelten Jungen in Iolkos. Was ist das bessere Überlebensprinzip: Freiheit, Aufbruch in die Fremde und Begegnung mit dem Unbekannten oder die Sicherheit in der Höhle der Illusion?
iii. Die Argonauten: Auftrag, Aufbruch und Irrfahrt
Mit einer mehr als zweifelhaften Mannschaft bricht Iason endlich in Richtung Kolchis auf, um das Goldene Vlies nach Iolkos zu holen. Sollte ihm dies gelingen, wäre ihm der Thron gewiss, so das hinterhältige Versprechen seines Onkels und derzeitigen Regenten Pelias. Die zur See stechende Truppe setzt sich zusammen aus Orpheus (der Sänger im Tunnel), Tiphys (der blinde Steuermann), Amphion (der gläubige Koch), Akastos (der Sohn ohne Finger) und einer fragwürdigen „Leitungsebene“ bestehend aus Iason, Herakles und dem Jungen mit den Flügeln. Unterstützt wird die abstruse Mannschaft von einer großen Menge tatkräftiger Ruderer. Und dann gibt es da möglicherweise noch einen blinden Passagier an Bord, Atalante, die unsichtbare Frau.
Roland Schimmelpfennig überführt das Heldenepos in eine antiheldische Groteske des schwarzen Humors mit Anleihen an Splatter und Mystery. Aus der Paranoia der Argonauten erwächst eine zunehmende Gewaltbereitschaft, je näher sie der Fremde kommen. Die Expedition wird enttarnt als imperialistischer Raubfeldzug zwischen Wahn und Wirklichkeit. Eine Odyssee als Parabel auf die Verrohung der menschlichen Gesellschaft unter Extrembedingungen.