Im Keller der Metaphysik #1

I.: Die Lust und das Universelle (das Gemeinsame)

TALK
MalerSaal
MalerSaal / Julia Oschatz

Der Abend fragt nach einer Verbindung zwischen einer Erfahrung, die auf den ersten Blick als private Angelegenheit erscheint (die einer lustvollen Befriedigung von eigenen Begehren) und der Teilhabe an einem Raum sozialer oder politischer Verwirklichung – womit der Begriff des Universellen (etwa der allgemein gültigen Rechte und Pflichten) notwendig ins Spiel gebracht wird …

Wir leben in einer Welt, die von einer radikalen Krise des Gemeinsamen geprägt ist, wo private Interessen (der Großkonzerne, der identitär organisierten Massen, der exzessiven Individualismen) die Organisation des gemeinsamen Raums der politischen Verwirklichung bestimmen. Unter dem Begriff des „possessiven Individualismus“ (Macpherson) wurde versucht, die Ursache dieser Krise zu bestimmen. Es gibt jedoch auch andere Ansätze, wie etwa den der Psychoanalyse und der Kritik der politischen Ökonomie, denen es vielmehr darum geht, die antisozialen Tendenzen der sozialen und ökonomischen Ordnung in den Blick zu nehmen. Marx und Freud nannten diese problematische Tendenz „Trieb“, wobei sie offenließen, ob diese Kraft in letzter Instanz auf Destruktion hinausläuft. Die Frage des Antagonismus, der das Soziale prägt, dynamisiert und vorantreibt, ist in beiden Kontexten, den klinischen und dem kritischen, zentral. Es geht dabei nicht nur darum, dass es Konflikt um des Konfliktes willen geben muss, sondern vielmehr auch darum, in welche Richtung diese Spannung im Sozialen tendiert.

Die Indifferenz gegenüber der fortschreitenden Klimakrise und die Renormalisierung des Rassismus, der den Aufstieg der rechtspopulistischen und ethno-nationalistischen Parteien begleitet, zeugen davon, dass das Recht auf Befriedigung von aggressiven Impulsen das Auseinanderhalten von Lust und Sozialität vorantreibt. Muss Lust immer mit Aggressivität – Zurückweisung kultureller Differenzen, einer systemischen Tendenz zum Krieg und zur Destruktion ökologischer Systeme – einhergehen? Oder ist eine Affektpolitik, die auf der Schaffung von Bündnissen basiert, in gegebenen Bedingungen weiterhin möglich? Ist der Mensch notwendigerweise ein aggressives Tier, wie die Tradition seit Thomas Hobbes behauptet? Oder besteht die Möglichkeit einer Politik des Gemeinsamen oder einer „Politik der Freundschaft“ (Derrida), in der es darum geht, uns von der Differenz berühren zu lassen und uns somit einem gemeinsamen Wandel zu eröffnen – einem Wandel, der als Horizont nicht mehr das Wirtschaftswachstum und die daraus folgende Klimakatastrophe hat?

Referenzen aus:

Samo Tomšič, The Labour of Enjoyment. Towards a Critique of Libidinal Economy, August Verlag, Berlin 2020.

Rami Olsen, Radical Tenderness, HBTL Records, 2024