Im Keller der Metaphysik #10

Affirmation der Kritik / Benjamin Sprick im Gespräch mit Rahel Jaeggi
MalerSaal
Schwarz-Weiß-Foto. Benjamin Sprick steht vor einem neutralen Hintergrund. Er trägt ein dunkles Hemd und schaut in die Kamera. Er schmunzelt leicht.

An manchen Tagen scheint es momentan so, als habe Gesellschaftskritik ihre theoretischen Ressourcen durchgebracht. Zu abstrus konstellieren sich die politischen Ereignisse, als dass sie noch auf den Horizont sozialen Fortschritts bezogen werden könnten. Zu willkürlich erscheinen die mit ihnen verbundenen normativen Verschiebungen, als dass ein gemeinsamer Maßstab ihrer kritischen Reflexion erkennbar ist. Gleichzeitig ereignet sich gesellschaftlicher Widerstand an vielen Orten, ein Einfordern gerechterer Verhältnisse breitet sich aus. Die aktuelle Situation der Kritik ist somit unübersichtlich. Grund genug sie im »Keller der Metaphysik« zu reflektieren und mit ihren philosophiegeschichtlichen Voraussetzungen in Verbindung zu bringen. Was heißt „Kritik“ heute? Welche Ziele sollte sie verfolgen? In welches Verhältnis setzt sie ethisch-moralischen Anspruch und soziale Wirklichkeit?

Als Spezialistin für Kritische Theorie und Kapitalismusanalyse haben wir die in Berlin lehrende Sozialphilosophin Rahel Jaeggi eingeladen, die sich eingehend mit dem Verhältnis von „Regression und Fortschritt« befasst hat. Wir sprechen mit ihr über die Perspektiven einer Kritischen Theorie der Gesellschaft und vor allem auch über die Wirksamkeit von Kritik, die sich mit deren aktuellen Aufgaben und konzeptionellen Herausforderungen verschaltet.

Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit dem Jahr 2018 leitet sie zudem das „Center for Social Critique“. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt in den Bereichen der Sozial- und Rechtsphilosophie sowie der politischen Philosophie, der philosophischen Ethik, Anthropologie und Sozialontologie. Gegenstand ihrer Forschung sind u. a. die Begriffe der Entfremdung, der Kommodifizierung bzw. Verdinglichung, der Ideologie, der Lebensform, der Institution und der Solidarität. Zuletzt erschien ihre Studie »Fortschritt und Regression« im Suhrkamp Verlag (2023) wo sie zuvor zusammen mit Nancy Fraser »Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie« (2020) veröffentlichtet hat, sowie das Buch »Kritik von Lebensformen« (2013).

Benjamin Sprick unterrichtet Angewandte Ästhetische Philosophie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) wo er auch als ›Post-Doc‹ im dortigen Graduiertenkolleg ARTILACS (Artistic Intelligence in Latent Creative Spaces) arbeitet und den künstlerisch-wissenschaftlichen Promotionsstudiengang Dr. sc. mus. koordiniert. Er ist zudem ausgebildeter Konzertcellist. Seine Forschungsschwerpunkte betreffen eine »Kritik der instrumentalen Vernunft« ebenso wie die politische Kinetik eines sich zunehmend als autoritär erweisenden algorithmischen Kapitalismus.

Die Band SNB wurde im März 2025 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg gegründet und widmet sich seitdem der Pflege eines rocklastigen Coverrepertoires mit cellistischen ›Obertönen‹.

Im »Keller der Metaphysik« wird jetzt auch im Radio gestreamt: immer am ersten Donnerstag im Monat auf FSK 90,3.