Ubasute (Arbeitstitel)
Einer alten japanischen Legende zufolge führten in Zeiten des Hungers Kinder ihre altgewordenen Mütter aus den Dörfern hinaus in unwegsames Gelände und überließen sie dort sich selbst. Historisch ist diese Praxis nicht belegt, doch sie hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft eingeschrieben, die in der Gegenwart mit ihrer Überalterung zu kämpfen hat. Tourist*innen buchen Touren zu Orten, an denen Ubasute (dt.: alte Frau aussetzen) stattgefunden haben soll. Zur Folklore gehört aber auch die Figur der Yamauba, einer alten Frau in den Bergen mit magischen Kräften, deren Rache für ihre Ausgrenzung gefürchtet wird. Als um die Jahrtausendwende im Stadtbild Tokios sogenannte „Yamanba Gals“ auftauchten, junge Frauen, die sich offensiv entgegen des weiblichen Schönheitsideal stylten und daher als vulgäre Vetteln verunglimpft wurden, war eine weitere Frauengestalt erschienen, die die Menschen fortan in ihren Träumen heimsucht.
Was passiert einer Gesellschaft, wenn – anders als in Grimms Märchen von »Hänsel und Gretel« – nicht die Eltern ihre Kinder, sondern die Kinder ihre Eltern aussetzen? Satoko Ichihara geht dieser Frage nach, indem sie verschiedene mythische Erzählungen übereinanderlegt und sich befragen lässt. Die Dramatikerin, Regisseurin, Romanautorin und künstlerische Leiterin des Kinosaki International Arts Center (KIAC) gehört zu den provokantesten jungen feministischen Stimmen der zeitgenössischen japanischen Kunstszene. Ihre aufrüttelnden, unerschrockenen, sinnlich über bordenden theatralen Auseinandersetzungen voller Witz und Schmerz über gesellschaftliche Missstände erobern derzeit die internationalen Festivals.