SPAM
Fünfzig Tage
Ein verlorener Ort im Herzen Afrikas. Erzählt wird die Geschichte einer Handvoll Menschen, die von, für und an diesem Ort leben und arbeiten. Unter mörderischen Bedingungen wird hier Coltan abgebaut, ein metallischer Grundstoff, der die Voraussetzung bildet für die Produktion und Funktionsfähigkeit von Mobiltelefonen. Die verbalen Ausdünstungen unseres Telefonverkehrs dringen jedoch höchstens als Hintergrundrauschen bis in diese ferne Region. Was den Menschen hier widerfährt, Schicksal zu nennen, wäre ein Euphemismus – es ist die nackte Ausbeutung.
Ausgelöst durch ein Grubenunglück und grundiert von nicht enden wollendem Regen zeichnet der Autor den Grusel hinter der polierten Außenhaut unserer Smart- und sonstigen Phones. Die Geschichte, die er erzählt, ist aber vielfältig facettiert und gebrochen: Die Menschen, denen wir am Rande der Grube begegnen, sitzen wie eine Art Wiedergänger in einem U-Bahn-Zug, der an einem heißen Sommerabend, glühend von „afrikanischer Hitze“, in sein Verderben donnert. Hinter dem Spam-Geplapper der Mitreisenden lauern Beklemmung, Ängste, Verlorenheit. Als hätten sie eine zweite Identität, beobachten wir Figuren, die wir schon kennen, in einer Parallelwelt, während sie an dem anderen Ort durch den Mahlstrom der Ausbeutung verelenden, real und seelisch, bis dem Chef der Grube ein Herz aus Stein eingepflanzt wird, als wär‘s eine Geschichte von Wilhelm Hauff. Zwei Albtraumwelten spiegeln und durchkreuzen sich – und ewig rauschen die Stimmen. Eine poetische Recherche im Herzen der Finsternis. Hier sind zwei Welten einfach falsch verbunden.
»SPAM« ist ein Auftragswerk für das DeutscheSchauSpielHausHamburg.
Roland Schimmelpfennig ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, seine Stücke werden weltweit gespielt. Am Schauspielhaus wurden zahlreiche seiner Stücke aufgeführt (»Die arabische Nacht«, »Push Up 1-3«, »Vorher/Nachher«, »Calypso«, zuletzt »Der goldene Drache« in der Regie von Klaus Schumacher). Seit geraumer Zeit inszeniert Schimmelpfennig seine Stücke auch selbst.