Zukunft der Demokratie #15
Lukas Bärfuss im Gespräch mit: Alice Hasters / Demokratie und Gewalt
Eine demokratische Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Aber heute gilt Mitgefühl als naiv und Härte als vernünftig. Dieser Wandel und der Aufstieg autoritärer Politik haben eine Wurzel. Es ist das Recht des Stärkeren. Aber seltsam: Auch die Politik der Härte kann nicht auf das Opfer verzichten. „Unsere Frauen und Kinder“, „Werte und Wohlstand“ sieht sie bedroht und rechtfertigt damit Abschottung, Aufrüstung und Sozialabbau.
Und sie bringt eine neue Figur hervor: das Anti-Opfer. Es will beides, Macht und Mitleid. Es versteht sich als Opfer, wenn andere Gerechtigkeit fordern. So finden junge Männer in der „Manosphere“ eine Opfererzählung, deren Ziel nicht Gerechtigkeit, sondern Überlegenheit ist. Und der reichste Mann der Welt, Elon Musk, sieht in der Empathie die zentrale Schwäche unserer Gesellschaft. Alice Hasters, geboren 1989 in Köln, ist Autorin, Journalistin und Kulturkritikerin. Ihr Debüt »Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten« wurde zum Bestseller und prägte die Rassismus-Debatte in Deutschland. 2020 wurde sie zur Kulturjournalistin des Jahres gewählt. In ihrem aktuellen Buch »Anti Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten« beschreibt sie eine Gegenwart, die zwischen Härte und Fragilität zerrieben wird. Der Härte setzt sie die Kraft der Solidarität entgegen und plädiert für eine Trauer, die verbindet, statt nach Vergeltung zu rufen.