Reich des Todes

von Rainald Goetz

Premiere 11/09/2020

SchauSpielHaus

Dauer: ca. Vier Stunden. Fünfzehn Minuten. Eine Pause

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Die Krise boomt und mit ihr die Macht der Politiker, die sie zu managen haben. Überall wird in Menschen- und Bürgerrechte eingegriffen, vorübergehend mag das notwendig sein, doch es ist auch die Sternstunde der Autokraten: Orbàn, Erdoğan, Kaczyński, der polnische Justizminister Ziobro, sie alle benutzen die unumgängliche Bekämpfung der Pandemie, um ihre Herrschaft weiter nachhaltig auszubauen.
„Vive la crise!“, dieses Zitat von Proust könnte Rainald Goetz seinem neuen Theaterstück voranstellen, denn auch er beschreibt eine Regierung, die im Schatten einer drohenden Gefahr mit Furor und vermeintlich patriotischem Eifer Demokratiezerstörung betreibt. Es geht um den „Krieg gegen den Terror“, den George W. Bush unmittelbar nach den Anschlägen von 9/11 deklarierte. Wie jetzt? Wieso beschäftigt sich Goetz erst heute mit dem, was im Namen dieses Krieges an Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen in Amerika selbst, vor allem aber auch im völkerrechtswidrigen Irakkrieg geschah? Inklusive der Übergriffe und Folterungen in amerikanischen Gefangenenlagern wie Abu Ghraib? Journalistisch sind diese Ereignisse doch umfassend dokumentiert. Nun, um Dokumentation geht es Rainald Goetz ganz offensichtlich nicht: Die realen Personen der Zeitgeschichte, Bush und sein Regierungskabinett sowie die Täter*Innen von Abu Ghraib verbannt er in eine „Hades“ betitelte Aufzählung unterhalb seines Personalverzeichnisses. Die Stückfiguren nehmen zwar die gleichen Positionen ein, Goetz gibt ihnen aber andere Namen, die auch an Persönlichkeiten aus verschiedenen Zeiten erinnern: Roon, preußischer Kriegsminister des 19. Jahrhunderts, Kelsen, der berühmte Verfassungsrechtler der Weimarer Republik, oder auch Schill, ehemaliger „Richter Gnadenlos“ und Innensenator in Hamburg. Diese Mehrdeutigkeit hat System: Ständig fordert Goetz zu neuen Kontextualisierungen auf, zum Teil durch direkte Anspielungen, beispielsweise auf den deutschen Faschismus. Zum anderen setzt er mehr assoziative Impulse durch Mottos, Zwischentitel, Musiken, die er zitiert, Nebenwelten, die unausgesprochen mitschwingen, dem Stück dennoch eine größere Reichweite verleihen. Goetz versucht – grundsätzlich und spielerisch zugleich – über Strukturen von Machtpolitik und Machtmissbrauch nachzudenken. Krisen können Sternstunden für Autokraten, auch Diktatoren werden, das zeigt die Geschichte. Goetz stellt in diesem Zusammenhang die finstere Frage: Welche Faktoren müssen denn zusammenkommen, damit der Exzess, das „Böse, Kaputte“ Oberhand gewinnen kann?

HINWEIS:
Die Uraufführung »Reich des Todes« thematisiert u. a. die Misshandlung und Folter irakischer Gefangener in Abu Ghraib, wozu auch sexuelle Demütigungen gehörten. In diesem Zusammenhang gibt es in unserer Inszenierung Szenen, projizierte Bilder und Fotos, die Gewalt und Nacktheit zeigen.


Fotos: Arno Declair

SELCH, Vizepräsident: Sebastian Blomberg PINSK, Privatsekretär / BRAUM, Obergefreiter / TRENCK, Gefreiter: Maximilian Scheidt DR BANZHAF, Chefjustiziar: Holger Stockhaus THURGAU, Geheimdienstdirektor: Lars Rudolph FR VON ADE, Sicherheitsberaterin: Sandra Gerling GROTTEN, Präsident: Wolfgang Pregler ROON, Kriegsminister: Burghart Klaußner MRS GROTTEN, Ehefrau/ DARKOVA, Brigadegeneral: Anja Laïs DR SCHILL, Justizrat / BRAUM, Obergefreiter: Daniel Hoevels DR KELSEN, Oberjustizrat / BRAUM, Obergefreiter: Markus John SEBALD, Justizminister / BRAUM, Obergefreiter: Michael Weber BRAUM, Obergefreiter/ TRENCK, Gefreiter / ATTA, Gefangener: Tilman Strauß CINDY, Wachsoldat: Eva Bühnen EVE, Soldat / TRENCK, Gefreiter: Josefine Israel Musiker*innen: Percussion: Yuko Suzuki Percussion: Fanis Gioles Oud: Wassim Mukdad Cello: Michael Heupel Bratsche: Anna Lindenbaum Violine: Camilla Busemann Tänzer: João Pedro de Paula, Samuli Emery, Sayouba Sigué, Valenti Rocamora i Tora

Regie: Karin Beier Bühne: Johannes Schütz Kostüme: Eva Dessecker, Wicke Naujoks Komposition und musikalische Leitung/ Komposition und Einstudierung „Beschluss“, V. Akt: Jörg Gollasch Videodesign: Voxi Bärenklau Dramaturgie: Rita Thiele, Ralf Fiedler Licht: Annette ter Meulen Einstudierung Sprechchor „Desastres de la Guerra“, IV. Akt: Christine Groß Körpertraining und choreographische Mitarbeit: Valenti Rocamora i Tora Mitarbeit Videorecherche: Vanessa Christoffers-Trinks Produktionsleitung: Anna Werner

Pressestimmen

ARD Tagesthemen

„Aktuelleres politisches Theater kann es kaum geben.“

Stern Online

„‚Reich des Todes‘ zeigt, wie sich ein katastrophisches Ereignis, der 11.9., in das damals junge neue Jahrhundert frisst, das unter dem Druck des Terrors durch al-Qaida moralisch zurückfällt in die Zeit, als die Nationalsozialisten und ihre Freunde die Unmenschlichkeit zur neuen Normalität machten. Es wird auch deutlich, wie der sogenannte Krieg gegen den Terror in unsere Alltagskultur sickerte: Jack Bauer steigerte in „24“ von Staffel zu Staffel seine Bereitschaft zur Grausamkeit: Seine Botschaft: Folter bringt was!“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Zugleich geht es programmatisch aber auch um die „Rettung“ des demokratischen Systems. Nur auf den ersten Blick ist „Reich des Todes“ ein (für Goetz ja eher unüblich) historisches Drama. Denn die Eskalation, die mit dem 11. September begann, hat seither nicht aufgehört, nicht in Amerika und auch nicht – das Stück spielt an einer Stelle auf rechte Verschwörungstheoretiker an – in Europa.“

Süddeutsche Zeitung

„Beier inszeniert diese komplizierten und poetischen Grübeleien über Gerechtigkeit und wie man sie nicht nur erringt, sondern auch bewahrt, als großes vielstimmiges Orchesterwerk … Es geht eigentlich um die ganz großen Fragen, und warum man sie konsistent und endgültig einfach nicht beantworten kann, aber nicht davon ablässt, es zu versuchen. Es ist ein Chorwerk über die Moral im Rhythmus der Kunst, ein Schrei des verzweifelten Ringens um das Gute.“

Hamburger Abendblatt

„Das sowohl im Einzelnen (…) als auch als Gruppe unfassbar genau und stark agierende Ensemble wird, verstärkt durch Tänzer und Musiker, von seiner Regisseurin keine Sekunde geschont, sondern bis zur Erschöpfung durch alle Spielarten von Ausdruckskraft getrieben.“

nachtkritik.de

„Das ‚Reich des Todes‘ sind nicht die politischen Intrigen, in denen Krieg ein gutes Geschäft ist und Demokratie ein zu eliminierender Störfaktor. Es sind auch nicht die historischen Verbrechen im Folterknast. Es ist das Unaussprechliche in uns allen.“

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